Warum Healthy Leadership zur Führungskompetenz wird
Führung · 13. September 2026 · 4 Min. · Sarah Berni
Gesunde Führung beginnt bei der eigenen Führung
Wer andere Menschen führt, führt immer auch sich selbst. Wie reagiere ich unter Druck? Erkenne ich frühzeitig, wenn meine Energie sinkt? Wie gehe ich mit Stress um? Wie gut kann ich zwischen hoher Belastung und Regeneration wechseln? Und wie verändert sich meine eigene Leistungsfähigkeit über unterschiedliche Lebensphasen hinweg?
Diese Fragen wirken zunächst persönlich. Ihre Auswirkungen sind es nicht. Eine Führungskraft, die dauerhaft erschöpft ist, führt anders. Sie trifft andere Entscheidungen, kommuniziert anders, reagiert möglicherweise schneller gereizt und hat weniger Kapazität für Unsicherheit, Konflikte oder komplexe Situationen. Gesunde Selbstführung bedeutet nicht permanente Selbstoptimierung. Sie bedeutet, die eigenen Ressourcen wahrnehmen, verstehen und steuern zu können.
Der Körper ist Teil unserer Leistungsfähigkeit
In klassischen Leadership-Programmen lernen wir viel über Strategie, Kommunikation, Konfliktmanagement oder Transformation.
Der Körper spielt erstaunlich selten eine Rolle. Dabei findet jede Führungsentscheidung in einem Körper statt.
Schlaf, Stress, hormonelle Veränderungen, psychische Belastung, Energie und Regeneration beeinflussen unsere Aufmerksamkeit, Entscheidungsfähigkeit und emotionale Regulation. Gerade Frauen erleben über ihr Erwerbsleben hinweg unterschiedliche gesundheitliche und hormonelle Lebensphasen – vom Menstruationszyklus über mögliche Schwangerschaften und Elternschaft bis zur Perimenopause und Menopause.
Healthy Leadership bedeutet deshalb auch, Leistungsfähigkeit nicht als konstante Grösse zu betrachten.
Nicht jeder Mensch ist jeden Tag unter allen Bedingungen gleich leistungsfähig. Das anzuerkennen bedeutet nicht, Leistungsansprüche aufzugeben. Im Gegenteil: Es ermöglicht einen differenzierteren Umgang mit Leistung.
Von Selfcare zu Führungskultur
Healthy Leadership darf deshalb nicht bei „Achte gut auf dich selbst“ enden. Natürlich trägt jede Person Verantwortung für die eigene Gesundheit. Aber Gesundheit entsteht nicht unabhängig vom Arbeitsumfeld.
Führung beeinflusst Arbeitsbelastung, Prioritäten, psychologische Sicherheit und Kommunikation. Führungskräfte entscheiden mit darüber, ob Mitarbeitende frühzeitig über Überlastung sprechen können – oder erst dann, wenn sie nicht mehr können.
Sie prägen auch, wie selbstverständlich sensible gesundheitliche Themen angesprochen werden können.
Dafür müssen Führungskräfte keine medizinischen Expert:innen werden. Was sie brauchen, ist Handlungssicherheit: Situationen erkennen, angemessen ansprechen, zuhören, Grenzen kennen und wissen, welche Unterstützung innerhalb und ausserhalb der Organisation zur Verfügung steht.
Diese Fragen standen auch im Zentrum unserer letzten Durchführung der Weiterbildung «Healthy Leadership». Über sechs Wochen haben wir mit Führungskräften daran gearbeitet, Gesundheit nicht nur als individuelles Thema zu betrachten, sondern als Führungskompetenz – von der eigenen Energie- und Stressregulation über Frauengesundheit in unterschiedlichen Lebensphasen bis zur Gestaltung resilienter Teams und gesunder Organisationen.
Wie relevant diese Verbindung in der Praxis ist, zeigte auch die Rückmeldung einer Teilnehmerin aus der letzten Durchführung:
«Das Besondere an Healthy Leadership ist die Verbindung von gesundem Führen mit dem Schwerpunkt Frauengesundheit und die konsequente Ausrichtung auf Frauen mit Führungsverantwortung.» Doreen Förster, HR-Professional
Healthy Leadership wirkt auf drei Ebenen
In unserer Arbeit betrachten wir Healthy Leadership deshalb auf drei miteinander verbundenen Ebenen:
Ich: Wie führe ich mich selbst gesund und wirksam?
Team: Welche Bedingungen schaffe ich, damit Menschen gesund zusammenarbeiten und leistungsfähig bleiben können?
Organisation: Welche Strukturen und kulturellen Bedingungen unterstützen gesundes Arbeiten langfristig?
Diese Ebenen lassen sich nicht vollständig voneinander trennen. Die beste Selbstführung stösst irgendwann an Grenzen, wenn eine Organisation dauerhaft Überlastung produziert. Umgekehrt können Unternehmen zahlreiche Wellbeing-Angebote bereitstellen – wenn Führungskräfte im Alltag eine Kultur von permanentem Druck schaffen, bleibt ihre Wirkung begrenzt.
Healthy Leadership verbindet deshalb individuelle Kompetenz mit organisationaler Verantwortung.
AI macht diese Frage nicht kleiner, sondern grösser
Mit AI verändert sich die Arbeitswelt erneut. Technologie kann uns schneller machen, Informationen strukturieren, Analysen erstellen und Entscheidungen vorbereiten. Aber sie ersetzt nicht automatisch menschliche Urteilsfähigkeit, Selbstregulation, soziale Kompetenz oder die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen.
Vielleicht verschiebt sich deshalb eine entscheidende Grenze. Nicht die Technologie ist zwangsläufig der Engpass – sondern die Human Capacity, mit der wir sie nutzen. Wenn Energie, Konzentrationsfähigkeit oder Urteilsvermögen fehlen, kann auch hervorragende Technologie dazu führen, dass wir schlechte Entscheidungen einfach schneller treffen. Workforce Health wird damit zunehmend zu einer strategischen Frage.
Wie erhalten Organisationen die menschlichen Fähigkeiten, die sie für Transformation, Innovation und Zusammenarbeit benötigen?
Gesunde Führung ist Zukunftsfähigkeit
Healthy Leadership bedeutet für uns deshalb mehr als individuelles Wohlbefinden. Es geht um die Fähigkeit von Menschen und Organisationen, langfristig gesund, anpassungsfähig und leistungsfähig zu bleiben.
Das betrifft Selbstführung ebenso wie Teamkultur, Frauengesundheit ebenso wie psychologische Sicherheit und individuelle Gesundheit ebenso wie organisationale Strukturen.
In einer Arbeitswelt, die technologischer, schneller und demografisch herausfordernder wird, dürfte genau diese Fähigkeit weiter an Bedeutung gewinnen.
Am Women’s Wellbeing at Work Summit 2026 am 20. November in Zürich greifen wir diese Perspektive weiter auf.
Gemeinsam mit Expert:innen aus Wissenschaft und Unternehmenspraxis beschäftigen wir uns unter anderem mit Human Capacity, Workforce Health, AI-Transformation, Demografie und Frauengesundheit – und mit der Frage, was Organisationen heute tun können, um auch morgen gesund und leistungsfähig zu sein.